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Wird das Handwerk weiblicher?

Noch gilt es, Rollenmuster zu überwinden.

Als Gudrun Walker 1967 ihre Ausbildung zum Metzger abschloss, war sie eine Sensation: Als einziges „Mädel“ hat sie in ihrem Ausbildungsjahrgang im Landkreis Böblingen auch noch die beste Abschlussprüfung hingelegt! In einem herrlich nostalgisch anmutenden Kurzfilm des Südwestfernsehens gab die junge Frau mit schwäbischem Akzent und Rehblick sogar ein Interview zu ihren Beweggründen, das „männlichsten Handwerk“ Metzger – Gendering gab es damals noch nicht – zu erlernen. 54 Jahre sind seitdem vergangen. Wie schaut es heute aus mit Frauen in handwerklichen Männerberufen?

Auch heute ist es immer noch so, dass die Mehrzahl der weiblichen Azubis sich in frauendominierten Berufen ausbilden lassen. Frauen im Handwerk besetzen immer noch ein sehr enges Berufsspektrum. Laut einer Studie am Beispiel der Stadt Düsseldorf des Deutschen Handwerksinstituts (DHI) an der Universität Göttingen sind die am stärksten von Frauen besetzten Handwerksberufe Friseurin, Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk und Bürokauffrau. Dies deckt sich auch mit der Lehrlingsstatistik der Handwerkskammer für Mittelfranken.

2019 waren die klassischen Top-Berufe auch in Mittelfranken: Friseurin, Kauffrau für bürokommunikation und Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk. Doch es kommt Bewegung ins Spiel. 2020 hat der Beruf der Augenoptikerin die Fachverkäuferin auf den vierten Platz verdrängt.
Handwerkskammer für Mittelfranken
2019 waren die klassischen Top-Berufe auch in Mittelfranken: Friseurin, Kauffrau für bürokommunikation und Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk. Doch es kommt Bewegung ins Spiel. 2020 hat der Beruf der Augenoptikerin die Fachverkäuferin auf den vierten Platz verdrängt.



Aber es gibt auch junge Frauen, die in traditionell männlich dominierten Handwerken eine Ausbildung absolvieren oder absolvierten. Auch wenn sie als Frauen in diesen Berufen immer noch in der Minderheit sind. Jasmin List, zum Beispiel, zur Metallbauermeisterin, Fachrichtung Metallgestaltung. Anastasiia Selivanova ist Metzgerin und Patrizia Endres Auszubildende im Metzgerhandwerk.

Das Handwerk wird weiblicher. Dies beweist auch eine Erhebung des Zentralverbands des Deutschen Handwerk. Frauen sind verstärkt in den Berufen Konditorin, Orthopädieschuhmacherin und -technikerin, Raumausstatterin zu finden.

Aber: „Der absolute Anteil der Frauen im Handwerk sinkt wieder“, weiß Matthias Braun, Leiter der Abteilung Berufsbildung bei der Handwerkskammer für Mittelfranken. 

Das Bild im Kopf verändern

Was müsste sich verändern, damit sich im Handwerk mehr Frauen für eine Ausbildung entscheiden und auch ausgebildet werden?

„Um passende Umkleidemöglichkeiten müsste sich Gudrun heute keine Sorgen mehr machen. Da hat das Handwerk aufgeholt und die Betriebe lassen sich etwas einfallen und auch die Urkunden werden schon im Druck dem jeweiligen Geschlecht angepasst und müssen nicht handschriftlich verbessert werden,“ meint Matthias Braun leicht schmunzelnd zum Film und fügt hinzu „aber das Bild im Kopf von der Rolle und der Charakteristika der Geschlechter und davon abgeleitet auch der den einzelnen Geschlechtern zugeordneten Berufe, das müsste sich in unserer Gesellschaft ändern.“

Dies zeigen auch die Ergebnisse der DHI-Studie: Es sind weniger die Argumente, wie „Frauen heiraten doch“ oder „Frauen werden von Kunden als Fachkräfte nicht akzeptiert“, die gegen eine Beschäftigung von Frauen im Handwerksbetrieb sprechen. Bei 56 Prozent der befragten Betriebe in Düsseldorf steht die Befürchtung „die Frauen seien den Anforderungen körperlich nicht gewachsen“ im Vordergrund.

Jasmin List an der Esse.
Jasmin List an der Esse.

Anastasiia Selivanova beim Ausbeinen
Anastasiia Selivanova beim Ausbeinen

Handwerk wird weiblicher, auch in Berufen, in denen traditionell die Männer dominieren.
ZDH
Handwerk wird weiblicher, auch in Berufen, in denen traditionell die Männer dominieren.

Es geht voran!

Aber es geht doch! Jasmin List, Patrizia Endres und Anastassia Selivanova sind dafür wunderbare Beispiele. Die Voraussetzung für ihre Berufe ist allerdings: Frau muss körperlich fit sein, Ellenbogen haben. Einfach mutig sein. „Den Jungs im Praxisunterricht habe ich es gezeigt, dass ich es kann. Und jetzt ist das alles kein Problem mehr“, berichtet Patrizia über ihre Erfahrungen mit männlich domierten ÜLU-Klassen. Metallbauerin Jasmin List kennt das Problem, dass einem die Kollegen schwere Arbeiten nicht zutrauen aus eigenem Erleben. Sie hält sich fit durch Sport. Ihr Tipp: „Ob es mit einem „Männerhandwerk“ funktioniert, das kann man ja heute in der Zeit der Berufsorientierung mit einem Praktikum überprüfen. Das hilft auch den Chefs.“ Und sie ergänzt stolz: “Bei mir hat es auf alle Fälle funktioniert.“ So gut, dass sie schon ihre Meisterin im Metallbau abgelegt und die Weiterbildung zur Schweißfachfrau absolviert hat.

Und was raten unsere drei Protagonistinnen jungen Frauen, die sich für einen klassischen Männerberuf im Handwerk interessieren?

  • „Auf keinen Fall auf die Eltern hören, sondern das lernen, was man möchte“, rät Patrizia Endres.
  • „Sich nicht von eingefahrenen Denkweisen beeindrucken lassen, sondern einfach probieren“, empfiehlt Jasmin List.
  • Anastasiia Selivanova meint „sich nicht abschrecken lassen durch das Argument „das machen Mädchen nicht.“ 

Die „blutige Gudrun“ hat übrigens einen Metzgermeister geheiratet, mit dem sie die Metzgerei ihres Vaters weiterführte. Er im Schlachthaus, sie im Laden. Die klassische Geschlechterteilung eben. Damals.



 Das Porträt über Gudrun Walker können und sollten Sie auf der Homepage des Fleischermuseums in Böblingen ansehen.



Und so präsentieren sich junge Frauen im Handwerk heute:



Die Metzgerin Anastasiia Selivanova

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Die Metallbaumeisterin Jasmin List

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Das Handwerk braucht noch mehr Frauen – besonders auch in Führungspositionen und als Unternehmerinnen. Damit beschäftigt sich die nächste Folge.