Teils sind die Energiepreissprünge noch nicht im Handwerk angekommen.
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Teils sind die Energiepreissprünge noch nicht im Handwerk angekommen. Im Falle einer kleinen Bäckerei in Mittelfran-ken haben die hohen Energiepreise aber bereits zur Geschäftsaufgabe geführt. Foto: amh-online/ Falk Heller

Was bedeutet der Ukraine-Krieg fürs Handwerk?

Gemeinsame Veranstaltung von HWK, IHK und VR Bank

Spätestens mit der russischen Invasion in der Ukraine müssen auch die kleinen und mittleren Handwerksbetriebe mit ihrem oftmals lokalen oder regionalen Geschäft in Mittelfranken oder Deutschland eine neue Lektion lernen. Auf einen Schlag hängt ihr Geschäft nicht mehr maßgeblich von ihrem fachlichen und betriebswirtschaftlichen Geschick ab. Vielmehr dominieren in einem großen Ausmaß politische Entwicklungen und Entscheidungen das Tagesgeschäft. Das veranschaulicht am deutlichsten die Angst vor einem Energieembargo – egal ob Russland den Hahn zudreht oder Europa sich auf einen breiten Verzicht russischer Lieferungen durchringt. Der Anteil deutscher Importe an russischem Öl lag Anfang Mai bei rund 34 Prozent, der Erdgasanteil aus dem ehemaligen Zarenreich bei etwa 55 Prozent.

Geschäftsaufgabe wegen der Energiepreise

Ohne das Damokles-Schwert einer Lieferunterbrechung der fossilen Energie spielen die hohen Energiekosten allerdings nicht die alleinige Rolle in der Unternehmensberatung der Handwerkskammer für Mittelfranken. Das berichtet Betriebsberater Wilhelm Scheuerlein auf der gemeinsamen Veranstaltung „Ukraine – worauf müssen wir uns einstellen?“ mit der IHK Nürnberg und der VR Bank Metropolregion Nürnberg. Bei der Energieversorgung spreize sich der Druck deutlich in Abhängigkeit von den Stromlieferverträgen. Teils seien die Energiepreissprünge noch nicht im Handwerk angekommen. Dagegen haben in Einzelfällen, wie etwa bei einer kleinen Traditionsbäckerei, die vervielfachten Strom- und Gaspreise bereits zur Geschäftsaufgabe geführt.

Lücken in den Lieferketten

„Die Handwerker in fast allen Gewerken leiden an Lieferengpässen“, konstatiert Scheuerlein aus seiner Beratungspraxis vor den rund 150 Teilnehmern. Gerade in diesen Zeiten sei es deshalb von elementarer Bedeutung, die laufende betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA) kontinuierlich im Blick zu haben. Nur dann habe man eine verlässliche Grundlage, gezielt seine Preise anzupassen. Neben den starken Preissteigerungen sorgen zudem die Lücken in den Lieferketten für einen Abschied von dem altvertrauten Materialeinkauf Just-in-Time. Die Lücken bei den Vorprodukten sorgen stattdessen dafür, dass manche ein Betrieb wieder verstärkt in die eigene Lagerhaltung investiert. Sogar der Neubau eines eigenen Lagers kommt wieder auf die Tagesordnung.

Alexander Dänzer-Grassmé, Syndikusrechtsanwalt und Geschäftsführer der Bauinnung Nürnberg, weist die Handwerksbetriebe noch auf eine weitere Stellschraube hin. Zwar seien Verträge als Grundsatz der Rechtsordnung einzuhalten: „In Coronazeiten und Ukrainekrieg kommt er aber an seine Grenzen.“ Denn juristisch bestehe möglicherweise eine Öffnungsklausel beim Wegfall der Geschäftsgrundlage. Dänzer-Grassmé warnt die Zuhörer allerdings vor zu viel Euphorie: „Sie werden dann nicht mehr nackt dastehen, haben aber auch keinen wärmenden Mantel.“

Anpassungsmöglichkeiten einplanen

Vielversprechender für die Handwerksbetriebe sind laut Dänzer-Grassmé allerdings die künftigen Angebote. Verträge in der Baubranche würden häufig ein halbes Jahr vorher geschlossen, bevor es ernst werde. Das gleiche heutzutage dem „Blick in die Glaskugel“. Angesichts kaum zu kalkulierender Kosten empfiehlt er stattdessen freibleibende Angebote, denen eine bindende Wirkung fehlt – „es sind keine echten Angebote“. Oder man versehe verbindliche Angebote mit zeitlich kürzeren Bindungsfristen und Anpassungsmöglichkeiten an die Preisentwicklung. 

Der Syndikus sieht noch eine weiteres Handlungsfeld, um Betriebe vor einer Schieflage zu schützen. Denn die grundsätzliche Beschaffung von Baumaterial ist nicht in Stein gemeißelt. In einen Vertrag lasse sich auch regeln, dass ein Bauherr das notwendige Holz oder Ziegel bereitstellt. Dafür müsse man mit „kühlem Kopf und ruhiger Hand“ auf den Bauherrn zugehen.

Dilemma bleibt

Dänzer-Grassmé greift auch die von Scheuerlein berichteten Fälle auf, bei denen Betriebe auf eine erhöhte Lagerhaltung setzen, um Zulieferverpflichtungen einzuhalten. Das aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvolle Verhalten führt auf der Rückseite der Medaille zu einem Dilemma. Denn vergrößern alle Unternehmen nahezu zeitgleich ihren Lagerbestand, reißt die Lieferkette. Dann weicht man für die angestrebte, höhere Sicherheit zur Beschaffung auf andere Märkte aus. Aber weil man nicht allein ist, treibt man auch dort zunächst den Preis hoch, bis ebenfalls die alternative Lieferkette reißt. „Was für ein Unternehmen als solches vernünftig ist, wird bei vielen Unternehmen am Markt zum Problem.“

Bereits heute lässt sich in der Wirtschaft eine „Stakkato-Produktion“ beobachten, flankiert der Chefvolkswirt der IHK Nürnberg, Dr. Udo Raab. Die Fertigung laufe dann weiter, wenn die Vorleistungen anderer Betriebe geliefert werden. Weil vor diesem Hintergrund die Kapazität nicht mit der wachsenden Nachfrage Schritt halten kann, liegt das Ergebnis auf der Hand: „Es wird teurer.“

Hinzu kommt Chinas Null-Covid-Strategie, an der die Staatspartei unbeirrt festhält. Der anhaltende Lockdown im chinesischen Shanghai mit seinem weltgrößten Hafen belastet zusätzlich die Lieferketten. Manche Vorprodukte stecken in den Fabriken fest, die sich in Corona-Arealen befinden oder lassen sich nicht mehr für den Export zu mittelfränkischen Unternehmen zum Hafen bringen und dort verladen. 

Die Unternehmensberatung der Handwerkskammer erreichen Sie per Mail unter

unternehmensberatung@hwk-mittelfranken.de