Der Historiker Dr. Christian Hoyer mit seinem Buch über den Musikinstrumentenbau in Bubenreuth.
Heinz Reiß
Der Historiker Dr. Christian Hoyer mit seinem Buch über den Musikinstrumentenbau in Bubenreuth.

Vom Bauerndorf zum Zentrum des Musikinstrumentenbaus

Neuerscheinung zeigt Geschichte und Potentiale

Eine große hölzerne Reisekiste mit der Aufschrift „Karl Neudörfer Luby, Schönbach bei Eger“ ist Zeugnis eines Dramas, das sich vor über 70 Jahren abspielte: die Vertreibung mehr als drei Millionen Deutschen aus den Sudetengebieten. Auch viele Einwohner des Städtchens Schönbach im Egerland traf dieses Schicksal. Der Ort, dessen Einwohner für ihre Fertigkeiten im Musikinstrumentenbau berühmt waren, wurde in kurzer Zeit entvölkert. 2.000 Menschen mussten sich auf den Weg gen Westen machen, in der Hoffnung dort eine neue Bleibe zu finden. Das Know-How der handwerklichen Musikinstrumentenherstellung nahmen sie mit: nach Bubenreuth.

Integration bringt Know-How

Symbol für die Vertreibung der Sudetendeutschen aus Schönbach: die Fluchtkiste von Karl Neudörfer
Heinz Reiß
Symbol für die Vertreibung der Sudetendeutschen aus Schönbach: die Fluchtkiste von Karl Neudörfer
Fast unbemerkt ist in diesen von einem Virus geprägten Tagen ein Buch veröffentlicht worden, in dem sein Verfasser Christian Hoyer die Geschichte des Musikinstrumentenbaus in Bubenreuth und Umgebung bis heute nachzeichnet. Beginnend mit den Anfängen des Musikinstrumentenbaus im egerländischen Schönbach, führt Hoyer seine Leser in anschaulicher Weise über die Jahre der Vertreibung und Wiederansiedelung in Bubenreuth hinweg bis in unsere Zeit. Er erzählt von zahlreichen historischen Höhepunkten des Musikinstrumentenbaus, vom kometenhaften Aufstieg des kleinen Örtchens Bubenreuth zu einem international renommierten Zentrum mit internationelen Kunden wie John Lennon oder Omans Sultan Qaboos Bin Said. Aber auch die Zeiten des Niedergangs in den Jahren des Strukturwandels sowie die heutigen Versuche, Bubenreuth regional noch fester als Musikzentrum zu etablieren, hat der promovierte Historiker detailliert recherchiert und für eine breite Leserschaft gut aufbereitet. Dabei lebt das Buch von den rund 500 Fotografien, Grafiken und Abbildungen. Eine wahre Fleißarbeit, mit der der Autor die wechselhafte Geschichte der Schönbacher und Bubenreuther Musikinstrumentenbauer illustriert und damit noch intensiver aufleben lässt. Die Portraits von über 60 Meistern und Betrieben bestätigen auch noch heute die Präsenz der Musikinstrumentenbauer in Bubenreuth und Umgebung und setzen ihnen für die Nachwelt ein dauerhaftes Denkmal.

Grenzen überwinden

Inzwischen sind die Wunden verheilt und es entwickelt sich langsam eine deutsch-tschechische Freundschaft, die versucht Barrieren zu überwinden. Die schon seit 1956 bestehende Patenschaft für die aus ihrer Heimat vertriebenen Deutschen wurde 2016 in eine Städtepartnerschaft mit Luby, wie Schönbach auf Tschechisch genannt wird, erweitert. Deshalb finden sich auch zwei Gastbeiträge der tschechischen Partner in diesem Buch.

Ein weiterer Aspekt aus der Geschichte Bubenreuths ist interessant: Die erfolgreiche Integration von 2.000 Vertriebenen, die im mittelfränkischen Bubenreuth nicht nur eine dauerhafte Bleibe fanden, sondern durch ihre Präsenz den Ort dauerhaft prägten und prägen. Christian Hoyer zeigt auf, dass der Neubeginn, wie für viele Vertriebene, auch für die Schönbacher nicht ganz einfach war. Aber das Experiment gelang und heute ist man stolz darauf, diese Herausforderung bestanden zu haben. Ein Beispiel, das gerade auch in unseren Zeiten ein Leuchtturm sein sollte. Und auch deshalb ist das Buch zu empfehlen.

Das Buch „Musikinstrumentenbau in Bubenreuth und Umgebung. Von 1945 bis heute“ von Christian Hoyer können Sie hier bestellen:

Preis: 60 Euro zuzüglich Versandkosten

Über den Autor

Christian Hoyer legte in Erlangen sein Abitur ab und studierte in Marburg, Keele, London und Erlangen Geschichte, Politikwissenschaft und Osteuropakunde. 2006 promovierte er mit einem Thema zur britischen Außenpolitik im 19. Jahrhundert. Seit 1996 ist er freiberuflich als Journalist und als Historiker tätig. Als promovierter Historiker war Hoyer bis 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Britische Kultur in Bamberg und Lehrbeauftragter für Neuere und Neueste Geschichte in Erlangen. Anschließend übernahm er bis 2007 die Leitung des Framus-Museums in Markneukirchen/Sachsen. Seit 2014 bekleidet er die stellvertretende Leitung des Stadtarchiv und Stadtmuseum in Herzogenaurach. Der Autor Christian Hoyer steht auch als Vorsitzender dem Museumsverein Bubenreutheum (ehemaliges Geigenbau-Museum) vor. Zahlreiche Publikationen, u. a. zur Geschichte Frankens und Bubenreuths stammen aus seiner Feder. (Text/Foto: Heinz Reiß)