Nicht nur der Borkenkäfer beeinflusst zurzeit die Handwerkskonjunktur.
Pixabay/ Marek Matecki
Nicht nur der Borkenkäfer beeinflusst zurzeit die Handwerkskonjunktur.

Ursache und Wirkung

Wie der Borkenkäfer die mittelfränkische Handwerkskonjunktur beeinflusst

Seine Größe? Vier Millimeter. Seine Farbe? Braun. Sein Leibgericht? Fichten. Sein Name? Borkenkäfer. Taucht der winzige Unhold in unseren Wäldern auf – und das tut er dank anhaltender Dürre seit drei Jahren in erschreckenden Massen – heißt es im Forstamt „Code Red“. Denn Buchdrucker, Kupferstecher & Co. können ganze Waldgebiete von grünen Oasen in braun-graue Todeszonen verwandeln. Oft sind die Bäume bereits unheilbar verfallen, bevor man es überhaupt sehen kann. Vier Millimeter ist der Borkenkäfer groß. Und trotzdem wirkt er sich auf die Handlungen Chinas und der USA aus. Er beeinflusst den Weltmarktpreis für Holz und verursacht nicht zuletzt eine Materialknappheit im Bauhandwerk.

Dem Bauhandwerk, das nach wie vor der Stabilitätsanker der mittelfränkischen Handwerkskonjunktur in der Krise ist. Denn dank dieses borkenkäferlichen Vernichtungsfeldzugs in heimischen Wäldern wird der Rohstoff Holz knapp. China und die USA kaufen auf, was sie bekommen können und heimische Zimmerer zahlen mittlerweile statt 400 Euro 800 Euro für ihr Brettschichtholz – wenn sie es denn irgendwann bekommen. Denn die Lieferzeiten können mittlerweile bis zu 12 Wochen betragen. „Wir haben einen großen Lagerbestand, aber ich habe von Kollegen gehört, die kurzfristige Aufträge, die man eigentlich gut dazwischenschieben könnte, nicht mehr annehmen, weil sie die Materialien nicht rechtzeitig bekommen würden“, sagt Georg Keilholz, Senior-Chef bei Holzbau Keilholz. Er ist mit seinen Mitarbeitern gut durch die Krise gekommen. Einen Coronafall hatten sie nicht im Betrieb. Hygiene- und Lüftungskonzept schon.

Die Mitarbeiter wurden in Gruppen aufgeteilt, die möglichst keinen Kontakt hatten, damit im Ernstfall nicht die ganze Belegschaft ausfällt und im Büro wurden Glasscheiben zwischen die Arbeitsplätze montiert. Selbsttests stellt der Chef seinen Leuten zur Verfügung und hält sie auch zur regen Benutzung an. „Ich kann ja niemanden zwingen“, sagt er. Probleme bereitet ihm daher vor allem die Materialknappheit. „Im März begannen die Preise sprunghaft zu steigen. Sie sind unkalkulierbar und für Angebote, die ich vor einem halben Jahr erstellt habe, kann ich sie auch nicht mehr anpassen.“ Außerdem: „Es geht nicht nur mir so. Wenn sich auf der Baustelle die Termine verschieben, weil beispielsweise Kunststoffrohre nicht geliefert wurden, können wir auch nicht weitermachen.“ Aber er betont: „Die Auftragslage ist gut.“

Auftragslage zufriedenstellend

Mit seinen Erfahrungen steht er nicht allein, wie der Konjunkturbericht des mittelfränkischen Handwerks für das 1. Quartal 2021 zeigt. „Zusammengefasst zeigt die Einschätzung, dass fast 75 Prozent der Handwerksbetriebe ihre Auftragslage als zufriedenstellend oder gut betrachten. Im Bauhandwerk sind es sogar 91,7 Prozent bzw. 81,9 Prozent im Ausbau, da die Nachfrage vor allem im Wohnungsbau stabil und die Finanzierungsbedingungen günstig sind“, sagt Prof. Dr. Elmar Forster, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Mittelfranken. In der Gewerbegruppe des „gewerblichen Bedarfs“ sind immerhin noch 72,8 Prozent mit ihrer derzeitigen Geschäftslage zufrieden. Pessimistischer beurteilen das Lebensmittelhandwerk – 34,9 Prozent sind zufrieden – und der Bereich „Gesundheit und persönliche Dienstleistung“ – 12,8 Prozent – die momentane Situation. Nichtsdestotrotz: die Tendenz geht in Richtung vorsichtigen Optimismus‘ geht. 

Kfz-Gewerbe leidet

Sorgen bereitet vor allem die Gruppe des Kraftfahrzeuggewerbes: „Lediglich 9,4 Prozent schätzen die derzeitige Geschäftslage als gut ein, der wichtige Autofrühling bleibt aus und das Werkstattgeschäft hinkt um ca. ein Drittel einer Normalauslastung hinterher“, sagt Thomas Pirner, Präsident der Handwerkskammer für Mittelfranken. Davon kann auch Peter Melzer, Obermeister der Karosserie- und Fahrzeugbauer-Innung Mittelfranken ein Lied singen. „In Coronazeiten ist die Mobilität stark zurückgegangen.

Nur als Beispiel: Einer unserer Großkunden hat 80 Prozent seiner Mitarbeiter ins Home-Office geschickt. Deren Dienstwagen müssen nicht gewartet oder instandgesetzt werden. Auch privat werden keine Reisen oder Wochenendausflüge mehr unternommen und bei geschlossenen Geschäften fährt auch niemand mit dem Auto in die Innenstadt zum Shoppen. Sogar der öffentliche Nahverkehr ist zurückgegangen. Wir haben daher nicht nur als Hauptbetrieb, der noch 2019 bis zu 2500 Fahrzeuge im Jahr nach Unfällen wieder fahrtüchtig gemacht hat, sondern auch als Dienstleister mit unserer Lackiererei insgesamt bis zu 30 Prozent weniger Umsatz“, sagt der Geschäftsführer des Richard Schmidt GmbH Karosserie- und Lackierzentrums Nürnberg.

Seine Mitarbeiter wollte er trotzdem nicht in Kurzarbeit schicken. „Wir haben versucht, neue Geschäftsfelder zu eröffnen oder alte zu reaktiveren“, erklärt er. So werden ältere Fahrzeuge und einige Oldtimer wieder flott gemacht und als neues Geschäftsfeld vermehrt Kundendienste und Inspektionen angeboten. Dies kann aber den Umsatzrückgang nicht ausgleichen. Trotzdem: „Wir sind breit aufgestellt. Kleinere Betriebe, die nur ein Betätigungsfeld haben, haben größere Probleme“, weiß Peter Melzer.

Optimistisch durch die Krise

Auch dank des Blicks in die über 100-jährige Firmengeschichte blickt er optimistisch in die Zukunft: „Mein Urgroßvater hat 1913 eine Sattlerei gegründet. Sie überlebte den ersten und zweiten Weltkrieg, die Währungsumstellung, und viele Änderungen in der Fahrzeugtechnik und der Mobilität. Da schaffen wir auch diese Krise.“ Sein Sohn Max teilt diese Meinung. Er möchte in die Fußstapfen des Vaters treten und macht gerade seine Ausbildung zum Karosserie- und Fahrzeugbauer. Und dann? Dann wird er die fünfte Generation sein, die den Familienbetrieb mit neuen Herausforderungen in die Zukunft führt.

Und der Borkenkäfer? Dem rücken die Forstbetriebe auf den Leib. Mit jedem verfügbaren Mann und verfügbaren Frau wird der Wald durchforstet. Befallene Bäume werden markiert und so schnell wie möglich geschlagen. Die Fichten werden dann entweder sofort im Sägewerk verarbeitet oder sie müssen in Quarantäne – die Abstandsregel zu ihren gesunden Kollegen beträgt übrigens satte 500 Meter.