"I am Groot" - so werden die jungen Erwachsenen seit Neuestem im Internat begrüßt.
"I am Groot" - so werden die jungen Erwachsenen seit Neuestem im Internat begrüßt.

Nicht der Herbergsvater

Internat in Pandemiezeiten

Bei Betrieben ist sie oft nicht beliebt, für Lehrlinge ist sie eine wertvolle Zeit in ihrem Berufsleben: die ÜLU – die Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung. Hier lernen die jungen Menschen, was ihnen der oft spezialisierte Betrieb nur schwer beibringen kann. Zwischen vier und 17 Wochen verbringen sie daher in den Bildungszentren der Handwerkskammer oder der Innungen und – je nach Lehrjahr – zwischen neun und 13 Wochen in den Berufsschulen. Viele kommen von weit her. Und irgendwo müssen sie wohnen.

Pädagogischer Auftrag

Etwa im Internat der Handwerkskammer. Dort ist Tobias Ladewig der Herbergsvater. Diese Bezeichnung aber schätzt er gar nicht. „Ich bin kein Rezeptionist, der sich um die Einhaltung der Hausregeln kümmert, sondern ich habe einen pädagogischen Auftrag“, betont der Erzieher, der auch eine Zusatzausbildung zum systemischen Berater und Coach hat. Zusammen mit seinem Team, Jens Nautscher und Barbara Gerlach, betreut er die teils noch minderjährigen Jugendlichen, die während ihrer ÜLU-Wochen im Rückgebäude der Handwerkskammer im Herzen Nürnbergs unterkommen.

In Pandemiezeiten hat sich auch das Internatsleben verändert. Lüften, Abstandhalten, Maske tragen – und vor allem: nicht mehr als eine Person pro Ein-, Zwei- oder Dreibettzimmer. Bis zu 81 Menschen konnten bis März 2020 im fünfstöckigen Haus übernachten. Heute sind es gerade mal 36. „Natürlich muss aber trotzdem niemand auf der Straße schlafen“, sagt Tobias Ladewig. Man arbeitet gut mit Kooperationspartner zusammen, die auch Jugendliche aufnehmen. Bei der Auswahl, wer ins Internat kommt und wer zu einem Kooperationspartner, hat er eine Kriterienliste.

Alles in Ordnung bei dir?

Bei ihm gilt: Wer unter 18 Jahre ist, hat Vorrang: „Minderjährigen gegenüber haben wir eine größere Verantwortung und eine Aufsichtspflicht“, erklärt er. Schließlich macht er eben nicht nur den Check-In und -Out, für den er und sein Team am Sonntagabend die Jugendlichen willkommen heißen. Sie kümmern sich noch um viel mehr: „Wir gehen oft durchs Haus, klopfen an den Türen und schauen, ob es allen gut geht, ob wir unterstützen können oder wir haben einfach ein offenes Ohr für Probleme“, sagt er. In Coronazeiten ist das alles schwierig. „Wenn sie ins Internat kommen, verschwinden sie meistens auf ihren Zimmern, schauen Netflix und daddeln auf den Handys“, seufzt er.
Verstehen kann er das gut. Schließlich tragen sie in der ÜLU Maske, in der U-Bahn Maske, im Laden Maske, im Internat Maske. „Da tut es einfach gut, wenn man das Ding abends mal abnehmen kann.“

Trotzdem versucht er, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, Tischtennisrunden oder kreative Angebote zu initiieren. Aber auch in praktischen Fragen bezieht Tobias Ladewig seine Schützlinge mit ein: „Wenn beispielsweise eine Klospülung nicht funktioniert, dann schauen wir mal, ob wir nicht gerade Sanitärer im Haus haben“, gesteht er lachend. Der Hintergedanke: „Die Jugendlichen lernen sich auch jenseits ihrer Kurse kennen und außerdem ist so ein 16-Jähriger im ersten Lehrjahr auch stolz, wenn er helfen und zeigen kann, was er draufhat.“

Jugendliche müssen gesehen und gehört werden

Es soll aber nicht immer nur um den Beruf gehen. „Wir begleiten unsere Bewohner durch die Ausbildung und durchs Erwachsenwerden – so gut das in den kurzen Zeitfenstern, die wir haben, möglich ist. Mit uns können sie reden, wenn z. B. die Freundin Schluss gemacht oder der Ausbilder sie zusammengestaucht hat.“ Dieses Angebot wird gerne angenommen. Auch, wenn man manchmal ein wenig bohren muss, bis das Eis gebrochen ist. Was er allerdings feststellt in den vergangenen Monaten: Es fehlt den Jugendlichen an Unbeschwertheit. „Sie sind sehr diszipliniert“, sagt er. Umso wichtiger ist es ihm in seinem pädagogischen Konzept auf Partizipation zu achten. „Die Jugendlichen wollen und müssen gehört werden. Daher frage ich: Was würdet ihr am Internat gerne ändern, was würdet ihr euch wünschen?“
So richtig loslegen kann er erst wieder, wenn die Pandemie an Schwung verliert. Er freut sich auf die Zeiten, wenn er alle zusammentrommeln kann, damit sie mit Kollege Jens Nautscher Fußball spielen, oder wenn er seinen Traum vom Internatseigenen Poetry Slam, betreut durch Kollegin Barbara Gerlach, umsetzen kann. Und was wäre sein Lieblingsangebot? „Gemeinsam kochen: Entscheiden, was wir essen, den Jugendlichen Geld in die Hand drücken, sie einkaufen lassen und dann alle gemeinsam im Aufenthaltsraum zum Riesen-Spaghetti-Bolognese-Pott-Abend auf einem Haufen haben – mit jeder Menge Spaß, Lachen und Gespräche.“

Nicht der Herbergsvater - Internat in der Pandemie 5 Groot

Nicht der Herbergsvater Internat in der Pandemie 4 - Groot