Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker
argum / Falk Heller

Mit blauem Auge davongekommen

Situation auf dem Ausbildungsmarkt

Viele Ängste drehten sich im Jahr 2020 um die Ausbildung. Die Bewerber fürchteten, dass die Betriebe nicht ausbilden, die Betriebe fürchteten, dass sich niemand bewirbt. Und die Experten fürchteten, dass die beiden einfach nicht zueinander finden, da Coronabedingt keine adäquate Berufsorientierung möglich war. Die Schulen waren dicht oder hatten andere Sorgen, es gab keine Ausbildungsmessen, die Pflichtpraktika wurden gestrichen und freiwillige traute sich auch keiner zu machen.

Matthias Braun, Abteilungsleiter Berufsbildung bei der Handwerkskammer für Mittelfranken, konnte jedoch beruhigen: „In der ersten Zeit der Pandemie gab es zwar eine deutlich spürbare Zurückhaltung bei den Betrieben, Ausbildungsplätze anzubieten, aber mittlerweile hat sich das erfreulich entwickelt.“

Trotzdem gibt es im mittelfränkischen Handwerk ein kleines Minus von 4,68 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bei den abgeschlossenen Lehrverträgen. Doch liegt das an den Betrieben? Über 17 Prozent betrug das Minus bei den angebotenen Lehrstellen laut Michael Handel, Teamleiter der Berufsberatung bei der Agentur für Arbeit Nürnberg. Zurückzuführen ist das aber nicht allein auf Corona, denn schon im März lag das Minus bei 15 Prozent. „Wir gehen davon aus, dass die Konjunktur die Ursache für Rückgang bei den angebotenen Lehrstellen ist“, sagt Michael Handel. Torsten Brandes, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Nürnberg, beruhigt aber: „Der Ausbildungsmarkt ist auch im Berichtsjahr 2019/2020 geprägt von einem deutlichen Überhang an gemeldeten Ausbildungsstellen. Rein rechnerisch kommen auf eine Bewerberin bzw. einen Bewerber 1,2 gemeldete Berufsausbildungsstellen.“ Das entspricht auch der Erfahrung von Matthias Braun: „Die Betriebe wollen ausbilden.“ Und Stefan Kastner, Leiter Geschäftsbereich Berufsbildung bei der IHK Nürnberg für Mittelfranken, stimmt zu: „Es gibt immer noch viele offene Lehrstellen in fast allen Branchen. Das Nadelöhr sind die Bewerber.“

In einer Umfrage der IHK haben viele Betriebe darüber hinaus angegeben, dass sie gerne persönliche Gespräche mit den Jugendlichen führen möchten und die Vorstellungstermine daher verschoben haben, anstatt sie durch digitale Formate zu ersetzen. „Man kann also damit rechnen, dass noch einiges an Lehrverträgen gemeldet werden wird“, sind Handel, Braun und Kastner überzeugt. Schließlich gab es zwischen April und Juli einen relativen Stillstand im Bewerbungsprozess.

Eines aber macht den Experten doch Sorge: „Wir wissen nicht, ob es heuer vermehrt zu Ausbildungsabbrüchen kommen könnte, da sich die Jugendlichen ohne Praktikum vielleicht nicht ausreichend mit ihrem Beruf beschäftigen konnten und dann im Laufe der Probezeit feststellen, dass er doch nicht der richtige für sie ist“, sagt Michael Handel. „Das kann passieren. Da muss man abwarten und die Daumen drücken“, sagt auch Matthias Braun.

Ein Wort aber mögen die drei Experten gar nicht hören: Coronajahrgang. Stefan Kastner: „Dieser Jahrgang hat die gleichen Prüfungen bestehen müssen wie seine Vorgänger und sie waren im Durchschnitt nicht schlechter als diese.“ Und Matthias Braun ergänzt: „Selbst wenn. Die Betriebe suchen händeringend nach Nachwuchs und haben schon in der Vergangenheit gezeigt, dass sie bereit sind, Wissenslücken der Jugendlichen durch Nachhilfe, in Zusammenarbeit mit den Berufsschulen oder durch die vielen institutionellen Angebote wie beispielsweise die assistierte Ausbildung auszugleichen.“ Michael Handel aber bringt es voller Leidenschaft auf den Punkt: „Ich will keine schlechte Stimmung aufkommen lassen. Dieser Jahrgang hat die gleichen Chancen wie alle anderen, auch wenn er unter erschwerten Bedingungen antritt. Man muss nur aktiv werden.“

Und an die Betriebe appelliert er halb im Scherz, halb ernst: „Sehen Sie doch das Positive. Sie hatten noch nie Auszubildende, die eine so große digitale Kompetenz mitgebracht haben.“ 

„Die Betriebe suchen händeringend nach Nachwuchs und haben schon in der Vergangenheit gezeigt, dass sie bereit sind, Wissenslücken der Jugendlichen durch Nachhilfe, in Zusammenarbeit mit den Berufsschulen oder durch die vielen institutionellen Angebote wie beispielsweise die assistierte Ausbildung auszugleichen.“ (Matthias Braun, Abteilungsleiter Berufsbildung bei der Handwerkskammer für Mittelfranken)