Blick in die Ausstellung auf den Bereich "Auf der Walz"
GNM / Dirk Messberger
Blick in die Ausstellung auf den Bereich "Auf der Walz"

Halle 1. Ein Experiment

Der Plan B spielt auch im Handwerk eine große Rolle, wenn Vorhaben nicht umgesetzt werden können. Zum Beispiel auf der Walz.

Corona: Vor dieser Herausforderung blieb dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg keine Alternative, als die große Sonderausstellung über den Renaissance-Maler Hans Hoffmann um ein  Jahr auf Sommer 2021 zu verschieben. Ein Plan B musste ersonnen werden.

Der kurzfristig frei gewordene Raum wird nun als Dreh- und Angelpunkt nun für neue Angebote genutzt. Den Anfang macht passenderweise eine Ausstellung zum Thema Handlungsalternativen. Zwei Themengebiete, eines davon aus der Handwerkskultur, wurden ausgewählt und mit rund 40 Exponaten bestückt.

Das Leben auf der Walz

 

Auf dem Segelschiff arbeitete Johanna weniger als Tischlerin. Sie lernte, wie man einen Dreimaster segelt.
Fotograf: Benjamin Reding
"Vier Monate war ich jetzt auf einem Segel-Schiff, der Alexander von Humboldt, eine 114-Meter-Bark. Da habe ich zwar wenig als Tischlerin gearbeitet, aber gelernt, wie man einen Dreimaster segelt. Vor den Kanaren kam Sturm auf, ziemlich plötzlich, mit 50 Knoten, da ist das Grossbram-Segel gerissen. Wir sind sofort hoch in die Takelage und mussten reffen. 32 Meter über Deck, da sollte man besser schwindelfrei sein." Leihgabe von D. & B. Reding
Noch heute ziehen Wandergesellinnen und Wandergesellen ohne Handy und Geld durch die Lande. Was auf sie zukommt, ist schwer planbar. Immer benötigen sie eine Alternative, ihr Leben ist ein Experiment – dafür anregend, abwechslungsreich und frei.
Neben großformatigen Fotoarbeiten von Dominik und Benjamin Reding aus
der Serie „Kluft & Haut“ von 2018/19 sind ein historisches Herbergsschild,
ein Willkomm-Pokal, die Figur eines wandernden Gesellen aus dem 18. Jahrhundert und eine kostbare Kassette mit einem Grabzettel ausgestellt. Das Dokument regelte Grablege und Jenseitsfürsorge für wandernde Gürtlergesellen, die fern der Heimat verstarben. Die Beispiele zeugen von den Risiken, aber auch von der langen Tradition, dem Reiz und den Chancen
eines nur im Groben planbaren Lebens. Die Exponate rücken die positiven Seiten experimenteller Alternativen in den Fokus. Studierende des Hauptseminars „Europäische Kulturgeschichte als Migrationsgeschichte“ der FAU Erlangen-Nürnberg unter Leitung von Prof. Hess arbeiten derzeit zu Böttger-Porzellanen. Ihre Ergebnisse präsentieren sie in den nächsten Wochen in der Ausstellungshalle, so dass Besucher unmittelbaren Einblick in die aktuelle Forschung erhalten.

Böttger-Porzellane

Detail aus einem Krug mit dem Porträt Johann Friedrich Böttgers, Meißen, um 1810
GNM / Annette Kradisch
Detail aus einem Krug mit dem Porträt Johann Friedrich Böttgers, Meißen, um 1810 rotes Böttgersteinzeug mit Übermalung Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
Der Apotheker und Chemiker Johann Friedrich Böttger (1682–1719)behauptete Anfang des 18. Jahrhunderts, Gold herstellen zu können. Das
weckte Begehrlichkeiten. Der Sächsische Kurfürst August der Starke nahm
Böttger gefangen, stellte ihm ein alchemistisches Labor zur Verfügung und
fordert die Produktion des kostbaren Edelmetalls. In seiner Verzweiflung
begann Böttger gemeinsam mit Ehrenfried Walther von Tschirnhaus zu experimentieren. Die Rezeptur für Gold fand er nicht, doch präsentierte er stattdessen die des „Weißen Goldes“ – des Porzellans.
Weil dessen Herstellung in Europa bis dahin nicht gelungen war, mussten die begehrten exotischen Kostbarkeiten aufwendig aus China importiert werden. Exzellente Neuschöpfungen chinesischer Originale wie eine Pagode, eine sitzende Buddha-Figur, stehen in der Ausstellung ihren Vorbildern gegenüber. Auch Teekannen, Tassen und Schalen lassen über die Perfektion der sächsischen Produkte im Vergleich zu den chinesischen staunen.
Auf Böttger geht das bis heute weltberühmte Meißener-Porzellan zurück. Die Porzellan-Herstellung war nicht sein eigentlicher Plan, aber eine grandiose, bis in die Gegenwart nachwirkende Alternative.
„Wenn wir uns mit der Wieder-Erfindung des Porzellans befassen, richten wir zugleich unseren Blick auf den Kulturaustausch mit China, von dem Europa über viele Jahrhunderte profitierte. Wir möchten damit gerade jetzt, in Zeiten von Abgrenzung und wachsenden Ressentiments, an die verbindende Kraft von Kultur erinnern“, betont Generaldirektor Prof. Dr. Daniel Hess.



Die Ausstellung "Halle 1. Ein Experiment" läuft vom 16. Juli bis 1. November 2020

Mehr Informationen finden Sie auf der Homepage des Germanischen Nationalmuseums.