Zeigten am Girls`Day ihr Handwerk (von links im Uhrzeigersinn) Gebäudereinigerin Vittoria Amato, die Orthopädieschuhmacherinnen Magdalena und Rachel Kistner und Klavierbauerin Tanja Meier.
Zeigten am Girls`Day ihr Handwerk (von links im Uhrzeigersinn) Gebäudereinigerin Vittoria Amato, die Orthopädieschuhmacherinnen Magdalena und Rachel Kistner und Klavierbauerin Tanja Meier.

Mädchenzukunftstag: 73 Teilnehmerinnen*innen in der Werkstatt Girls, Girls, Girls

Dürfen sie eigentlich rein? „Wir wollen mal nicht so streng sein“, sagt Nicole Schwab. Die Ausbildungsakquisiteurin hatte für die Handwerkskammer für Mittelfranken den Girls‘Day organisiert. Jenen Tag, an dem Schülerinnen Einblicke in vermeintlich frauenuntypische Berufe bekommen. Hoffentlich zum letzten Mal in digitaler Form. 73 Teilnehmer*innen waren angemeldet. „*innen“? Ja, denn der ein oder andere Boy hatte sich darunter-gemischt. „Aber wir heißen im Handwerk auch euch willkommen“, begrüßte sie diese lachend. Gut für die Jungs, denn die kamen dadurch auch in den Genuss, von Rachel und Magdalena, Jenni und Vittoria, Tanja und Jasmin Einblicke in ihre Handwerke zu erhalten.

Kreativ den Menschen helfen

Dabei gingen die jungen Frauen undogmatisch vor: Rachel und Tanja zückten einfach ihre Handys und nahmen die ganze Truppe mit in die Werkstatt. Im Fall von Rachel wurden dort Schuhe hergestellt, denn sie und ihre Schwester Magdalena sind beide Orthopädieschuhmacherinnen. Stolz zeigten sie beispielsweise auch die Cowboystiefel her, die sie für einen Oldtimerliebhaber handgefertigt hatten – passend zum historischen Automobil. „Wie lange hast du denn dafür gebraucht?“ kam die Frage aus der Runde. „30 bis 40 Stunden muss man für einen Schuh rechnen“, erklären die beiden jungen Frauen. Verblüfftes Schweigen.

„Die Cowboystiefel haben uns Freude gemacht, weil wir bei ihrer Herstellung so kreativ sein konnten, aber besonders befriedigend ist zum Beispiel, dass wir einem kleinen Mädchen helfen können, deren einer Fuß viel größer ist als der andere. Dass sie jetzt – auch wenn es im Winter kalt ist – wieder fröhlich draußen rumlaufen kann, weil wir ihr die passenden Schuhe gemacht haben, ist einfach toll“, schwärmen Magdalena und Rachel. Übrigens: in ihrer Werkstatt ist der Papa der einzige Mann. Das Orthopädie-Schuhtechnik-Geschäft und Schuhhaus Kistner in Merkendorf ist also weitgehend in Frauenhänden.

Richtig anpacken

Während bei den beiden in der Werkstatt haufenweise sauber gestapelte Lederrollen in der Werkstatt lagerten, sah es bei Tanja ganz anders aus. Sie hieß die Girls (und Boys) im Ausstellungsraum von Klavier Kreisel willkommen. Edle Flügel und Klaviere im Hintergrund und das Ambiente der gediegenen Fürther Malzböden beeindruckten die virtuellen Besucher. Beim Rundgang in der Werkstatt – zur Hälfte von Frauen und Männern besetzt – ging es dann aber schon handfester zu. Da wurde geschliffen, poliert und gestimmt. „Ich mag Kundengespräche, aber am liebsten bin ich in der Werkstatt. Und dort mag ich vor allem die handwerklichen Arbeiten, wenn man richtig anpacken kann“, erzählt Tanja.
„Muss man denn Klavier spielen können, um Klavierbauerin zu werden?“ fragten die Gäste. „Nein, aber man sollte es lernen wollen“, zitiert Tanja ihren Chef. Sie selbst hatte eigentlich Saxophon gespielt, aber für ihren Beruf auch ihr neues Instrument gelernt. „Mit dem Saxophon bin ich aber immer noch besser“, gibt sie zu. Wie es mit dem Blockunterricht funktioniert, möchten die Girls und Boys auch noch wissen, denn als Klavierbauerin ist man nicht jede Woche zwei Tage in der Berufsschule, sondern auch mal acht Wochen am Stück. Kann man da leicht neue Kontakte knüpfen? „Es ist kein Problem, Freundschaften zu schließen. Das geht ganz schnell“, kann Tanja beruhigen.

Den ganzen Tag Toiletten putzen? Aber nein!

Das kann auch Vittoria bestätigen. Sie macht gerade eine Ausbildung zur Gebäudereinigerin bei der Fürst Gruppe. Und „Nein, ich putze nicht den ganzen Tag Toiletten“, räumt sie gleich mal mit einem Vorurteil auf. Stattdessen macht sie mit ihrem Team beispielsweise Bau- und Glasreinigung. Reinigt also gläserne Fassaden oder sorgt dafür, dass eine Baustelle nach der Fertigstellung ordentlich bezogen werden kann. Dafür muss sie jede Menge Kenntnisse von Chemie oder Oberflächen haben. „Man kann einen Marmorbaden strahlen lassen – oder ihn mit dem falschen Putzmittel zerstören“, sagt sie. Eigentlich hatte sie schon eine Ausbildung als Rechtsanwaltsfachangestellte. „Aber das war mir zu langweilig.“ Der neue Beruf ist abwechslungsreicher. Und sie mag die Arbeitszeiten: „Ich fange zwar schon um 5.30 Uhr an, dafür bin ich aber auch schon um 15 Uhr fertig und habe den ganzen Nachmittag frei.“ Vielleicht macht sie nach der Gesellenprüfung auch noch ihren Meister. „Das sehe ich dann.“

Hier fliegen die Funken

Da ist Jasmin schon weiter: Sie hat ihren Meistertitel schon in der Tasche, ist mittlerweile Werkstattleiterin und bildet selbst aus. „Das ist aber schon etwas anderes, wenn man jemandem beibringen muss, wie etwas geht, anstatt es für sich selbst einfach herauszufinden“, sagt sie. Sie nimmt ihre Besucher*innen auf ganz besondere Weise mit: Sie schmiedet live. Vor der Kamera erhitzt sie einen Stab auf 1100 Grad Celsius und bearbeitet ihn mit dem Hammer und dem Lufthammer so lange, bis er auf 800 Grad „heruntergekühlt“ ist. Dann ab in die Esse und weiter geht’s. Nach fünf Minuten präsentiert sie den Zuschauer*innen ein wunderschön geschwungenes Efeublatt – aus Stahl. „Hast du dich schon mal verbrannt?“ lautet gleich die erste Frage. Jasmin lacht. „O ja, das passiert schon mal, wenn die Funken fliegen. Aber wenn man vorsichtig ist, sind es nur leichte Verbrennungen. Salbe drauf und dann ist es auch wieder gut.“
Eines ist nach diesen vielen Einblicken in verschiedene Berufszweige auf jeden Fall klar geworden: Das Handwerk ist sehr, sehr vielfältig. Und Frauen können in jedem einzelnen der vielen Handwerksberufe „ihren Mann stehen“.

Metallbaumeisterin Jasmin List schmiedete live vor der Kamera.
Metallbaumeisterin Jasmin List schmiedete live vor der Kamera.