Familie Storch ist wieder in Uehlfeld angekommen und hat das Eigenheim auf dem Heizungsschornstein des Sudhauses bezogen.
Bauerei Zwanzger
Familie Storch ist wieder in Uehlfeld angekommen und hat das Eigenheim auf dem Heizungsschornstein des Sudhauses bezogen.

Bier mal digital

Pünktlich zum Online-Tasting besetzt Familie Storch wieder den Schornstein in Uehlfeld

 Kaum spitzt der Frühling um die Ecke, landen auf dem Schornstein der Brauerei Zwanzger auch wieder die Untermieter. Familie Storch ist wohlbehalten aus der Winterresidenz zurückgekehrt und sammelt bereits kleine Zweige und allerlei Baumaterial, um das Eigenheim auf dem Uehlfelder Brauereischornstein auf Vordermann zu bringen. Bereits im Vorjahr hatten sie sich auf dem Kamin für die Heizung des Sudhauses angesiedelt – und die Bierproduktion gehörig ins Stocken gebracht. "Wir haben damals mit dem Schornsteinfeger einen Blick in den Abzug geworfen. Es ist unglaublich, wie dicht sie den Kamin versiegeln können", berichtet Braumeister Christan Zwanzger, dessen Familie die Brauerei seit 1639 betreibt. 



Das Gute sehen

Abzug? Gab es nicht mehr. Glücklicherweise war genug Bier auf Lager und als die Vorräte knapp wurden, schenkte Familie Zwanzger im angeschlossenen Gasthaus einfach "Gastbier" von Kollegen aus. Schließlich aber organisierten sie einen Aufsatz, so dass das Nest um eine Etage nach oben umgezogen wurde und die Abluft darunter entweichen konnte.
Immerhin 200 bis 300 Liter Wasser verdampfen in der Kochphase beim Brauen innerhalb von 90 Minuten. 

Der Braumeister sieht es positiv. "Klar ist es ärgerlich, wenn der Kamin dicht ist oder wenn die Photovoltaikanlage verdreckt oder beschädigt wird, aber auf der anderen Seite haben wir auch sehr viele Menschen, die genau wegen der Störche zu uns nach Uehlfeld kommen. Wir gelten als Bayerns Storchendorf." 28 Paare hatten im fränkischen Ort im Vorjahr ihre Jungen aufgezogen. "Und da wir auch Zimmer vermieten und diese wiederum fast alle ,Storchenblick' haben, profitieren wir auch von den Untermietern." Alles Schlechte hat sein Gutes, jeder Schaden seinen Nutzen. Das ist das Motto, nach dem Christian Zwanzger lebt. 

Sogar auf die Coronakrise hat er es angewendet. "So eine Krise ist auch eine Möglichkeit, alte Strukturen zu überdenken und Neues zu wagen", ist er überzeugt. Bier in den Kanal schütten? Nicht bei ihm. "Ich bin Mitglied im Verein Deutscher Kreativbrauer. Wir haben uns während der Pandemie nur noch online getroffen. Da hatte ich die Idee, dass wir auch Tastings online anbieten könnten. Ich habe meine Kollegen in der Region angesprochen und gerade organisiere ich unser fünftes Event", berichtet er. 

Nachdem die Uehlfelder Brauereistörche den Winter in wärmeren Gefilden verbracht haben, muss am Nest in Uehlfeld noch einiges ausgebessert werden, bevor der Nachwuchs kommt.
Brauerei Zwanzger
Nachdem die Uehlfelder Brauereistörche den Winter in wärmeren Gefilden verbracht haben, muss am Nest in Uehlfeld noch einiges ausgebessert werden, bevor der Nachwuchs kommt.

Kreative Lösungen finden

Über den Online-Shop, der "während der Pandemie richtig durch die Decke ging", können Kunden sich ein "Retterpaket mit Live-Verkostung" bestellen. Sechs Sorten, zwölf Flaschen aus der Region. Christian Zwanzger fährt im Vorfeld die Kollegen an und sammelt die Biere ein, verpackt sie und schickt sie an die Angemeldeten. Am entsprechenden Abend moderiert Bier-Nerd und Buchautor Norbert Krines das Tasting. Die Braumeister vom Brauhaus Zwanzger, Brauhaus Döbler, Nikl Bräu, Dorn-Bräu Bruckberg, Brauerei Rittmayer Aisch und der Brauerei Neder Forchheim werden zugeschaltet, wenn ihr Gerstensaft an der Reihe ist. Angefangen hatte die Gruppe über facebook, doch schon bald machte die Technik aufgrund des Ansturms nicht mehr mit. Also wechselte man auf Zoom. Doch beim aktuellen Tasting hatten sich schon zwei Wochen vor Ablauf der Anmeldefrist über 280 Interessierte angemeldet. Auch für Zoom zu viel. Daher wechselte das regionale Tasting-Team jetzt zu Youtube.

Viel Arbeit - aber es lohnt sich

"Tatsächlich wurde das Angebot auch im Sommer viel genutzt, obwohl die Gaststätten eigentlich geöffnet hatten", erzählt Organisator Zwanzger. Die Gründe? "Man muss keinen Fahrer organisieren, sondern kann allein oder mit Freunden von zuhause aus in den bequemsten Klamotten mitmachen. Und wenn alles vorbei ist, lässt man sich einfach umfallen und ist schon auf der Couch", erklärt er sich das Phänomen augenzwinkernd. Tatsächlich ist das Projekt aktuell an einem Wendepunkt. "Wir müssen jetzt überlegen, ob wir in die technische Infrastruktur investieren und erweitern oder ob wir auf dem Niveau bleiben oder vielleicht sogar wieder kleiner werden und Wartelisten etablieren", kann der erfolgreiche Unternehmer berichten. Ans Aufhören denkt er nicht: "Solange es uns allen noch Spaß macht, machen wir weiter."



Bis zu 80 Prozent seiner Umsatzeinbußen konnte er während des Lockdowns mit dem neuen Online-Konzept auffangen. "Es macht natürlich viel Arbeit, vor allem kleinteilige. Um den gleichen Umsatz wie bei einer Fässerlieferung für ein Fest zu generieren, muss ich jetzt herumfahren, das Bier bei den Kollegen einsammeln, die Pakete falten und packen, Lieferscheine und Rechnungen schreiben und alles verschicken. Aber ich bin allein, habe keine Personalkosten und wir haben ohnehin geschlossen. Bevor ich auf der Couch sitze, kümmere ich mich eben darum." Wolfgang Uhl, Geschäftsführer der Handwerkskammer für Mittelfranken, freut sich über diesen Erfolg, merkt aber an: "Wir hören leider auch von anderen Fällen. Viele Brauereien, gerade jene, die an ein Gasthaus angebunden sind, kämpfen inzwischen um ihre Existenz." Ist eine - natürlich pandemieverträgliche - Öffnungsperspektive die Lösung? Christian Zwanzger ist unschlüssig: "Wenn geöffnet wird, dann vermutlich erst einmal nur der Außenbereich. Es ist aber noch kalt und die Menschen haben Angst vor Ansteckung. Ich glaube nicht, dass genügend Gäste kämen, um den Aufwand zu rechtfertigen. Auf der anderen Seite würde die Politik aber die finanziellen Hilfen, die endlich langsam zu fließen beginnen, wieder einstellen. Das wäre wohl ein Minus-Geschäft", wägt er unschlüssig ab. Fassbier hat er angesichts der undurchsichtigen Zukunftsaussichten daher vorsichtshalber noch nicht produziert, sondern sich auf Flaschenbier konzentriert. So ist er unabhängiger vom Lockdown-/Öffnungsgeschehen.

Das Bierfoto wurde 2019 auf dem Schmankerlmarkt gemacht.

Den Störchen auf seinem Schornstein ist das aber ohnehin egal. Fassbier, Flaschenbier, Hauptsache es wird gebraut. Sie freuen sich einfach, dass sie bald wieder ein beheiztes Nest für ihre Jungstörche haben. Wenn im Sudhaus wieder auf Volldampf gearbeitet wird.