Hannah Lobe mit ihrer unlackierten (weiße Geige) Geige.
Heinz Reiß
Hannah Lobe mit ihrer unlackierten (weiße Geige) Geige.

Beim Papa in die Lehre gegangen

Hannah Lobe lernte bei ihrem Vater das Kunsthandwerk des Geigenbaues

Eigentlich hat Hannah Lobe, die Tochter des Innungsobermeisters der Streich- und Zupfinstrumentenmacherinnung Erlangen Günter Lobe, bereits eine Ausbildung. Sie ist Wirtschaftsfachwirtin und hat das Zertifikat eines "Bachelor Professional of Business (CCI)" an der Wand hängen. Zwei Jahre jonglierte sie mit Zahlenkolonnen, kontrollierte Warenbestände, überwachte den Ein- und den Verkauf. Günter Lobe konnte stolz auf seine Tochter sein, doch sein Herz schlug noch etwas schneller, als Hannah ihren Vater offenbarte: "Mir liegt die reine Büroarbeit nicht, ich möchte handwerklich tätig werden und das Kunsthandwerk des Geigenbaues in deiner Werkstatt erlernen."

Auf der einen Seite bemerkte der Geigenbaumeister: "Ich muss ihr doch etwas mit in die Wiege gelegt haben", auf der anderen Seite stellte er sich die Frage: "Kann es gut gehen, wenn die Tochter der Lehrling in der eigenen Werkstatt wird?" Nehmen wir die Antwort vorweg: Ja, es ist gut, sogar sehr gut, gegangen.
Nach einer verkürzten Lehrzeit legte Hannah in diesen Tagen ihre Gesellenprüfung mit sehr gutem Erfolg ab. Im Innungsbereich Erlangen war Hannah in diesem Lehrjahr der einzige Auszubildende, die sich dem Kunsthandwerk des Geigenbaues verschrieben hatte.      

Warum umsatteln? 

"Papa hat es schon sehr feinfühlig eingefädelt. Ich habe ein Praktikum in seiner Werkstatt absolviert und dabei festgestellt - das ist es! Hier kann ich Musik und handwerkliches Arbeiten zusammenbringen." Und: "Ich bin nicht Teil eines ganzen Büroapparates, sondern mein eigener Herr. Darüber hinaus fasziniert mich, dass man vom roh zugeschnittenen Holz bis zum ersten Ton alles selbst gestalten kann." Eine Geige bringt Hannah ins Schwärmen: "Sie schafft es, uns durch ihre äußerliche Schönheit und Symmetrie, ihre feine Ausarbeitung und natürlich ihre klanglichen Qualitäten in Verzückung geraten zu lassen. Ein Musikinstrumentenbauer", so fährt die Geigenbaugesellin fort, "muss viel handwerkliches Feingeschick mitbringen. Aber auch ein gutes musikalisches Gehör, Geduld und Ausdauer".

 Ausbildung im eigenen Betrieb?

"Es ist gar nicht so einfach", so der Geigenbaumeister und Lehrmeister Günter Lobe, "die eigene Tochter im eigenen Betrieb auszubilden, denn man stellt hier immer höhere Anforderungen." Man lege als Vater die Messlatte oft zu hoch, "man korrigiert oder greift zu schnell ein, was für die Tochter dann nervig ist." Auch nach Feierabend wird noch zusätzlich gefachsimpelt, dadurch entsteht weniger Freizeit und der nötige Abstand zur Entspannung fehlt.

 Aber auch für Hannah war es nicht immer leicht: "Musikinstrumentenbau ist ein Handwerk. Das will gründlich erlernt werden und man will den hohen Anforderungen gerecht werden und es beim Papa besonders gut machen." Das hat sie geschafft. Und bis zur Meisterprüfung möchte sie das Erlernte jetzt erstmal in die Tat umsetzen.





Es gibt in Deutschland zwei Schulen. Die Berufs- und Berufsfachschule "Vogtländischer Musikinstrumentenbau" in Klingenthal, die den Hauptschulabschluss voraussetzt, und die Staatliche Berufsfach- und Fachschule für Geigenbau und Zupfinstrumentenmacher in Mittenwald, die den qualifizierenden Hauptschulabschluss mit den Noten "gut" in Kunst und Musik, sowie zwei Jahre Streichinstrumenten-Unterricht als Grundlage fordert.
Als persönliche Anforderungen, so der Innungsobermeister der Streich- und Zupfinstrumentenmacherinnung, ist ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen, zeichnerisches Talent, sehr gutes Hörvermögen, Konzentra­tionsfähigkeit, Geduld, Genauigkeit und Mobilität erforderlich.
Nach Ablauf der Ausbildung ist vom Prüfling ein Gesellenstück anzufertigen. In der Regel wird eine Violine in absoluter Handarbeit vom rohen Stück Holz bis zur spielfertigen Geige ohne Beihilfe gebaut. Diese wird im unlackierten Zustand, aber spielbar zur Bewertung abgegeben, dadurch können die 3 Prüfer die Arbeitsausführung besser sehen und bewerten. Um die Lackiertechnik begutachten zu können muss ein separates Instrument lackiert werden. Auch muss zum Prüfungstag eine Fachzeichnung des Gesellenstücks im Maßstab 1:1 vorgelegt werden, selbstverständlich vom Prüfling selbst gezeichnet. An den 2 Prüfungstagen gibt es einen Fachtheoretischen und einen Fachpraktischen Teil.

Die mit 3 Stunden angesetzte schriftliche Prüfung umfasst:

Prüfungsfach Technologie                

  • Handwerkszeuge, Geräte und Maschinen
  • Werkstoffbe- und -verarbeitung
  • Oberflächenbehandlung
  • Werkstoffeigenschaften
  • Arbeitssicherheit, Umweltschutz und rationelle Energieverwendung

Prüfungsfach Arbeitsplanung

  • Materialverbrauch und -kosten, Fertigungszeiten und -kosten
  • Skizzen und technische Unterlagen
  • Qualitätssicherung

Prüfungsfach Instrumentenkunde

  • Akustik
  • Klassifizierung der Musikinstrumente
  • Stilrichtungen, Bauweisen und Modelle

Prüfungsfach Wirtschafts- und Sozialkunde

  • Allgemeine wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge der Berufs- und Arbeitswelt

Die 7 Stunden umfassende praktische Prüfung besteht aus folgenden Tätigkeiten:

  • Geigenhals in der Korpus einpassen
  • Stimmstock für die Geige zuschneiden und einstellen
  • Obersattel am Instrument auf Höhe und Form bringen 
Das Lehrlingsgehalt liegt je nach Ausbildungsjahr zwischen 500 und 800 Euro. Nach der Ausbildung beträgt das durchschnittliche Einstiegsgehalt bei 2.300 bis 2.700 Euro brutto bei einer 40 Stundenwoche. Das variiert aber je nach Region und Arbeitgeber. Eine Ausbildungsförderung über BAföG ist möglich.
Die normale Ausbildungsdauer beträgt drei bis dreieinhalb Jahre. Eine verkürzte Ausbildung ist unter bestimmten Voraussetzungen möglich.
Geigenbauer/in ist ein sehr spezieller Beruf, für den es nur wenige Ausbildungs- und Arbeitsplätze gibt (in Bayern ca. 15 Betriebe). Nach der Ausbildung kann man angestellt arbeiten oder seine eigene Werkstatt gründen.
 

 

ausbildungsberatung@hwk-mittelfranken.de

 

Staatliche Berufsfach- und Fachschule für Geigenbau und Zupfinstrumentenmacher

Partenkirchener Straße 24
82481 Mittenwald
Tel: 08823 / 1353

 

Berufsfachschule BSZ Vogtland Schulteil Klingenthal

Amtsberg 12
08248 Klingenthal
Tel: 037467 / 23213

 

Bundesverband der Deutschen Musikinstrumenten-Hersteller e.V. (BdMH)

Tennebachstraße 25
65193, Wiesbaden
Tel. 0611 / 9545-886

Der stolze Papa: Günter Lobe hat seiner Tochter Hannah das Geigenbauhandwerk beigebracht.
Heinz Reiß
Der stolze Papa: Günter Lobe hat seiner Tochter Hannah das Geigenbauhandwerk beigebracht.