Nähen will gelernt sein. Susanne Spitz (links) zeigt Charly wie's geht.
Handwerkskammer für Mittelfranken
Nähen will gelernt sein. Susanne Spitz (links) zeigt Charly wie's geht.

150 Tage Praktika in ganz Deutschland

Die Rekordpraktikanten: Zwei Tage bei Maßschneiderin Susanne Spitz in Erlangen

44 Praktika in 150 Tagen. 5800 Kilometer quer durch Deutschland. Das ist das Ziel. Und das haben Charlotte und Marvin fast erreicht, als sie im Erlanger Atelier Spitz, bei Maßschneiderin Susanne Spitz aufschlagen. Das heißt: Eigentlich ist nur Charlotte, Spitzname: Charly, da, denn Marvin hat auf den letzten Metern die Grippe erwischt. Die legt dafür aber gleich los und beginnt, sich ein T-Shirt zu nähen. Natürlich unter Anleitung der Meisterin. Denn die macht keine halben Sachen: „Mal schnell nähen, ist nicht“, sagt sie. „So kommt man nicht wie wir unter die besten zehn Maßschneidereien Deutschlands.“

Also beginnt sie mit Charly von vorne: Welchen Stoff möchtest du? Was gefällt dir? Was ist geeignet für ein T-Shirt, bzw. einen Rock? „Das ist Stoff für einen Wintermantel“, lehnt sie Charlottes erste Wahl ab. Beim anderen gefällt der 20-Jährigen das Muster nicht. Schließlich aber ist der richtige Stoff gefunden. Schlicht und elegant. Dann wird gemessen, zugeschnitten und anschließend genäht. An der Maschine. „Ups, da bin ich zu weit“, fährt Charly auf einmal auf. „Kein Problem.“ Mit kundigen Händen trennt Susanne Spitz die Naht wieder auf. Noch einmal.  

Doch wie kommt es, dass überhaupt zwei Rekordpraktikanten quer durch Deutschland touren und was machen sie da eigentlich genau? „Dem Handwerk fällt es schwer, Nachwuchs zu generieren. Wir wissen, dass sich die jungen Leute auf verschiedenen Social Media-Kanälen informieren und möchten sie über diese Aktion erreichen, um ihnen zu zeigen, wie vielfältig das Handwerk ist, und wie viel Spaß es macht“, sagt Florian Schromm, stellvertretender Abteilungsleiter Berufsbildungs- und Prüfungswesen bei der Handwerkskammer für Mittelfranken.

Also schnuppern Charlotte und Marvin in 44 Berufe hinein. Jeweils zwei Tage sind sie vor Ort, dann geht es weiter. Auf Instagramm, Facebook etc. posten sie Videos, Bilder und Berichte von ihren Erlebnissen. Ist das nicht anstrengend? „Auf Dauer schon, aber es ist auch sehr interessant“, gibt Charly zu. Die Abiturientin rät ihren Alterskollegen daher, auch mal offen zu sein, und sich von Schulabschluss oder Eltern nicht in eine bestimmte Richtung drängen zu lassen, sondern auszuprobieren, worauf man Lust hat. Mit den Baustellenberufen konnte sie persönlich sich zwar nicht so anfreunden – sieht man vom Catwalk auf dem Kran mal ab – aber fotografieren, schneidern oder der Besuch in der Sattlerei haben ihr gut gefallen.

Rekordpraktikanten

„Die Charlotte stellt sich sehr geschickt an“, attestiert ihr auch Susanne Spitz. Was eine Schneiderin können muss? „Sie braucht ein gutes Auge und muss sorgfältig und mit viel Fingerspitzengefühl arbeiten können“, weiß Charlotte bereits. Übrigens: einen Besucher aus Berlin konnten sie im Erlanger Atelier auch begrüßen erikschlz, Modeblogger und Instagrammer, machte sich auf den weiten Weg in den Süden, um der 20-Jährigen ein wenig über die Schulter zu blicken, bevor er wieder in die Hauptstadt zurückdüste. „Ich möchte meinen Followern zeigen, dass man auch ohne Studium in der Modewelt arbeiten kann“, sagt er. Einen Maßschneideranzug hat der 19-Jährige sogar im Schrank. Vom Spitz Atelier ist er begeistert. „Das entspricht genau meinen Erwartungen, so habe ich es mir vorgestellt.“ Dann beginnt er seine Aufnahmen, macht Videos und Bilder – von denen eins sogar im Bravomagazin landet. Dann geht es weiter. Ins GQ nach Berlin. Und auf eine Zalando-Party, bevor der Flieger nach New York abhebt.

In Erlangen rattern derweil die Nähmaschinen weiter. Werden Fäden eingefädelt und Stoffe gefühlt. Teile zugeschnitten und Farben verglichen. Denn nach den Besuchen von Modebloggern, Fernseh- und Zeitungsmenschen kehrt hier wieder Alltag ein. Schließlich wollen die Menschen ja auch was zum Anziehen haben. Und zwar was richtig tolles. Und Charly? Die ist bereits auf dem Weg zum nächsten Praktikum.