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Die Reise zum Mittelpunkt der Erde.

Die Reise zum Mittelpunkt der Erde: Zu Gast in der Kunstgießerei Heinrich Lenz und Franz Jahn

Draußen ist noch die helle, heile Welt: wir gehen am ersten frostig klaren Wintertag des Jahres 2009 durch einen verträumten Garten: Buchshecken, Weinranken, an denen noch die Trauben vom Herbst hängen. Alles überzogen mit einem Hauch Rauhreif. Ein Bänkchen lässt erahnen wie schön es hier an lauen Sommerabenden sein kann. Zusammen mit Wilhelm Lechler bin ich auf dem Weg in die Kunstgießerei Lenz und Jahn in der Burgschmietstraße in Nürnberg.

Drinnen erwartet uns eine andere, dunkle Welt: wir durchqueren eine Werkstatt mit ruß- und altersgeschwärzte Wänden, die vollgestopft ist mit Werkzeug aller Art auf Schränken und in Regalen, mit Maschinen und Drehbänken. Aus dem Raum vor uns können wir schon jetzt ein dumpfes Wummern hören. Die Luft vibriert.

Im Zentrum der Erde

Dann öffnet sich der Hauptraum. Wir sind in der Gießerei. Hier scheint nun auch der Boden leicht zu beben. Das Licht von der angestaubten Fensterreihe kann den gute sechs Meter hohen Raum nur spärlich durchdringen. Auf dem Boden Staub, die Luft ist rauchgeschwängert. Rechts an der Wand unter einem gigantischen Abzugsrohr braust Feuer aus einem fast ganz im Erdboden stehenden Ofen. Über 1.000 Grad heiße grünlich-gelbe Flammen schlagen aus der Öffnung. Direkt vor dem Ofen ist es unangenehm heiß, trotzdem nutzen wir die Gelegenheit, um unsere klammen Finger etwas aufzutauen, denn der Rest des Raumes ist eiskalt. Die Fenster sind zur besseren Belüftung geöffnet. Auf dem Boden vor dem Ofen stehen geschätzte zwei Dutzend Gussformen, sorgfältig mit Holzbrettern und Schraubzwingen verschraubt und warten auf ihre Füllung. Denn heute ist ein besonderer Tag in der Bronzegießerei Jahn: Gusstag. Mit uns sind noch zwei andere Zuschauer gekommen: Gerti Ehrlein und Gerhard Decker. Hobbykünstler, die gespannt auf den Guss ihrer selbstmodellierten Plastiken warten.

Vom Positiv zum Negativ

Doch noch ist es noch nicht soweit: Sabine Jahn kommt mir entgegen. Sie, die Bronzegussmeisterin, führt diese Werkstatt nach dem Tod ihres Vaters Franz Jahn seit 2009Zu Besuch zusammen mit ihren beiden Mitarbeitern Achim Kattus und Tomas Podlesny. Sie trägt Jeans ein blaues Sweat-Shirt, darüber eine ärmellose Jacke. So still und wortkarg sie ist, ihre Augen blitzen und verraten jene scharfe Beobachtungsgabe, die sie in ihrem Beruf haben muss. Sabine Jahn zeigt uns die Formerei mit ihrem raumhohen Brennofen für die Gussformen. Viele Arbeitsschritte sind notwendig, bis so eine Form endlich fertig ist: vom Positiv zum Negativ für den Wachskern, vom Positiv zum Negativ für die Gussform und dann ab damit in den Brennofen.
Weiter geht es ins sogenannte Atelier, eine Art Wintergarten mit einem alten Jugendstilbrunnen. Von hier aus blickt man in den Garten, ein großes Oberlicht im Dach für das nötige Licht. "Hier hat man früher modelliert" erklärt Sabine Jahn und zeigt uns alte Modelle in den Regalen.

Affe und Taube

Als ich zurück in die Gießerei komme, stehen Gerti Ehrlein und Gerhard Decker auf der Treppe in sicherer Entfernung von den Formen und den Gießern. Also steht der Guss wohl kurz bevor? Und in der Tat hat sich hier etwas verändert. Achim Kattus hat Gusspfannen zum Erwärmen an die Flammen am Ofen gestellt und sich umgezogen: Schutzbrille, Keflarschürze und mächtige bis über den Ellenbogen reichende Keflarhandschuhe hat er sich zum Schutz gegen heiße Bronzeguss-spritzer übergezogen. Sein Kollege Tomas Podlesny verteilt kleine Filter auf die Einfüllöffnungen der Gussformen. "Wenn er den Ofen ausstellt, dann geht's los" sagt Wilhelm Lechler und als ob Achim Kattus ihn gehört hätte, dreht er den Ölbrenner zu. Es folgt eine gespenstische Stille.
Die Zuschauer oben auf der Treppentribüne zücken ihre Kameras um den entscheidenden Moment, den Guss ihres Modells für sich und die Nachwelt festzuhalten. Die Gießer unten im Raum beginnen mit ihrer Arbeit. Hochkonzentriert wird nun jedes Modell abgefüllt. Einem glühenden Lavastrom gleich fließt die flüssige Bronze in die Formen. "Die Menge der Bronze muss so gewählt werden, dass die Form mit einem Guss gefüllt wird, sonst gibt es Risse," erklärt mir Wilhelm Lechler. Je nach Größe der Form kann so eine Schöpfkelle bis zu 50 Kilo schwer sein. "So und jetzt kommt mein Aff´ dran", flüstert mir Gerti Ehrlein zu, als sich Kattus einer Form in der vordersten Reihe gleich beim Ofen nähert "und daneben ist die Taube vom Gerhard."

Nacharbeiten

Sabine Jahn steht in Reichweite und verfolgt das Geschehen aufmerksam. Als eine Holzverschalung Feuer fängt, reicht ein knappes "Sabine" und schon ist sie da, um mit einer Spritzflasche das Feuer zu löschen.
Wenn die Formen gefüllt sind, muss es schnell gehen, denn einige Modelle müssen noch in heißem Zustand aus ihren Formen herausgelöst werden. Ihre Auftraggeber wollen, dass ihre Oberfläche rot wird. Sabine Jahn schlägt geschwind mit einem dicken Hammer die Zwingen auf und die Formen verschwinden zum Ausschlagen im Nebenraum. Das war´s. Gerti Ehrlein und Gerhard Decker fragen nach: " Und wann können wir unsere Figuren abholen?" Sabine Jahn muss sie ein bisschen ausbremsen: "Jetzt kommen erst einmal die Modelle der kommerziellen Auftraggeber dran, denn die wollen sie noch vor Weihnachten verkaufen," sagt sie. Und die müssen ja jetzt erst einmal noch nachgearbeitet werden. Also steigen wir wieder vom Mittelpunkt der Erde hinaus in die strahlende Winterwelt. Im Januar wissen wir mehr.
Diashow Die Reise zum Mittelpunkt der Erdeweiter
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